Standorte des BLMK

Cottbus (CB)

Dieselkraftwerk

Uferstraße/Am Amtsteich 15
03046 Cottbus Deutschland
Tel: +49 355 4949 4040
Öffnungszeiten:

dienstags bis sonntags
12 bis 18 Uhr

Sonder­öffnungs­­zeiten an Feier­tagen
Eintrittspreise

Alle Ausstellungsräume, der Veranstaltungssaal und das mukk. sind über Aufzüge barrierefrei zu erreichen.

Frankfurt (Oder) (FF)

Packhof

Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11
15230 Frankfurt (Oder) Deutschland
Tel: +49 335 4015629
Öffnungszeiten:

dienstags bis sonntags
12 bis 18 Uhr

Sonder­öffnungs­­zeiten an Feier­tagen
Eintrittspreise

Die Ausstellungsräume sind barrierefrei: Besuch bitte nur mit Begleitperson.

Frankfurt (Oder) (FF)

Rathaushalle

Marktplatz 1
15230 Frankfurt (Oder) Deutschland
Tel: +49 335 28396183
Öffnungszeiten:

dienstags bis sonntags
12 bis 18 Uhr

Sonder­öffnungs­­zeiten an Feier­tagen
Eintrittspreise

Die Ausstellungsräume sind barrierefrei über eine Rampe erreichbar: Besuch bitte nur mit Begleitperson.

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AKTUELL

Seh(n)süchte Kunstwerke aus der Sammlung des BLMK

Ganz etymologisch betrachtet hat die Sehnsucht, also das Verlangen nach etwas, nichts mit dem Begriff und der Wahrnehmung des Sehens an sich zu tun. Unsere Reihe Seh(n)süchte präsentiert Kunstwerke aus der Sammlung des BLMK, die für das Sehnen und das Sehen gleichermaßen stehen. Mitarbeiter*innen des Museums stellen online Werke vor, die ihre Sehnsüchte in Zeiten der Anspannung, der räumlichen Grenzen und eingeschränkten Möglichkeiten zeigen. Kunst erweitert also nicht nur den Horizont, sondern dient auch wunderbar als Ausdruck der individuellen Fantasie. Zu sehen auf der Website und auf dem Facebook-Kanal des Museums.

Hans Ticha, Schlagersängerin, 1981, Öl auf Leinwand, 130 x 92 cm

 

 

Ulrike Kremeier, Direktorin BLMK

 

Hans Ticha, Schlagersängerin, 1981, Öl auf Leinwand, 130 x 92 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Ein Arbeitsplatz und/oder ein Zuhause können so schön sein, wie auch immer sie wollen. Nach mehr als einem Jahr, in dem sich die meisten von uns maßgeblich zwischen diesen beiden Orten bewegt haben, konstatieren wir Defizite einerseits und Sehnsüchte andererseits. Die relative Gleichförmigkeit und (An)reizarmut der vergangenen 14 Monate haben meine Seh(n)- und Hörsüchte verschärft: ich möchte nicht nur ganz dringend wieder Bilder im Original sehen, sondern auch live gespielte Musik hören.

 

Ohne Fan der spezifischen Liedart zu sein, auf die Hans Tichas Malerei „Die Schlagersängerin“ (1981) hindeutet, beinhaltet das Gemälde vieles von dem, was ich momentan vermisse. Ich sehne mich nach sinnlicher, analoger Naherfahrung mit originalen Kunstwerken vor Augen und Musik in den Ohren. Hierfür würde ich sogar gern Bühnenschweiß in der Nase in Kauf nehmen. Denn auch die Wahrnehmung von Gerüchen, die anderen Orten und Räumen zuzuordnen sind, kommen im sensorischen Einheitsbrei unserer momentanen Alltagserfahrungen zu kurz.

 

Das Bild der Sängerin steht in mehrfacher Hinsicht für meine momentanen Sehnsüchte und verkörpert gleichzeitig eine durch Kunst produzierte Wirklichkeit, die immer auch eine Realität des Imaginären bedeutet. Ich höre die gemalte Dame singen: Stimmlagenbandbreite und Volumen sind irgendwo zwischen Nina Hagen, Lotte Lenya und Diana Damrau angesiedelt. Mit verführerisch-glamouröser Bühnenpräsenz schmettert sie mir aus dem Bildraum entgegen: „Zertrümmert sei’n auf ewig alle Bande der Natur …“. (Der stoisch dreinblickende Sittich auf der Stange neben dem wie ein Pausenzeichen wirkenden weißen Doppelstrich scheint der Sängerin im Geiste diskret einen Vogel zu zeigen und verweigert jegliches dialogische Geträller.) Ein Hauch von Parfum mit orientalisch-holziger Kopfnote weht aus dem Bild strömend an mir vorbei. Ich bin kurz davor, der Sängerin enthusiastischen Applaus zu spenden. Und sollte die Pandemie noch lange anhalten, setze ich mich vermutlich im Museumsdepot, bekleidet mit einer grünseidenen Abendrobe, vor das Gemälde, drehe die Musik auf, ignoriere hierbei ihre musikalische Präferenz der Bildprotagonistin, lasse sie statt dessen ein Libretto aus „Lulu“ singen und klatsche am Ende begeistert Beifall (und huldige dem Maler Ticha ebenso wie dem Komponisten Berg)…

 

 

Ulrich Röthke, Kustos Sammlung Malerei, Grafik, Skulptur

 

 

Gerd Arntz
Bordell, Blatt 10 aus der Folge „Häuser der Zeit“
Holzschnitt, 1927, 43,5 x 32,5 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

 

Sehnsucht in Zeiten von Corona kann auch den Wunsch nach sexueller Vielfalt jenseits der monogamen Zweierbeziehung bedeuten. In seinem Holzschnitt „Das Bordell“ aus dem Jahr 1927 stellt der Kölner Künstler Gerd Arntz unterschiedliche erotische Praktiken dar. Momentan dürfen Sexarbeiter*innen ihrem Gewerbe nicht nachgehen. Das Ende des „Corona-Zölibats“ wird von vielen sehnsüchtig erwartet.

 

Gerd Arntz, der zur Gruppe „Kölner Progressive“ gehörte, schuf im Jahr 1927 die Holzschnittserie „Zwölf Häuser“. Der Zyklus zeigt Querschnitte durch verschiedene Gebäude vom Wohnhaus über die Bank, die Fabrik bis hin zum Gefängnis. Ziel war es, mit Mitteln der Kunst eine Analyse gesellschaftlicher Strukturen zu liefern und Klassenunterschiede deutlich zu machen. Ein typischer Ort für die „goldenen Zwanziger“ (die für viele Menschen alles andere als golden waren) ist das Bordell. Viele Künstler*innen der Weimarer Republik ließen sich in diesem Umfeld zu Werken inspirieren. Die Grafik von Gerd Arntz zeigt ausgefallene sexuelle Dienstleistungen in stark schematisierten Darstellungen. Ihm ging es nicht darum, eine Milieustudie zu schaffen, sondern um die Thematisierung von Machtverhältnissen durch Kapital. Wie das Theater oder das Sportstadion war das Bordell für ihn ein Teil der Vergnügungsindustrie seiner Zeit.

 

 

Linn Kroneck, Kustodin Sammlung Malerei, Handzeichnungen

 

Clemens Gröszer
Café Liolet, 1986, Mischtechnik, Collage auf Leinwand,
138,8 x 119,7 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2021

 

Welch Sehnsucht nach ausgelassener Geselligkeit im Café hat sich während der coronösen Entbehrungen angestaut. Da wird der selbstverständliche Besuch im Lieblingscafé zu postpandemischem Wunschgebilde.

 

Wie wäre es nun, wenn wir uns am Nachbartisch der beiden illustren Damen in Clemens Gröszers „Café Liolet“ (1986) einfinden, genüsslich ein Stück Schoko-Sahnetorte verspeisen und voyeuristisch interessiert zu beobachten beginnen. Die starren Gesichter unserer Nachbarinnen sind stark geschminkt, die Lippen in knalligen Rottönen, die Augen auffällig nachgezogen. Große Schmuckelemente komplementieren den schrill, stylischen Stil. Ungeniert versuchen wir das Gespräch der beiden zu erlauschen. Plaudern sie wohl über ihre Zeit in den DDR-80ern, als sie sich mutig zu gesellschaftskritischem Anti, Auf- und Ausbruch bekannten? Als extravagante Paradiesvögel waren sie da längst renitent allen Zwängen der sozialistischen Spießigkeit entflohen.

 

Wie wäre es gar, wenn wir uns nach dem zweiten Kaffee mutig mit an den Tisch setzten und das Vis-a-vis der Konversation genießen könnten, von Zigarettenrauch und Parfümwolken umhüllt? Aber nein, das trauen wir uns nicht. Das wäre der Aufdringlichkeit zu viel. Stattdessen verharren wir als stiller Beobachter. Uns fallen natürlich auch die Farbgebung zwischen Violett/Rot, Grün und Schwarzgrau, die monochrome Wand, die in die Tiefe fliehenden Gründerzeithäuser unter dramatischem Himmel, die veristische Malweise auf… Aber das bedürfte mindestens einer weiteren Tasse Kaffee. Stattdessen trinken wir aus und verlassen nachdenklich das Café.

 

Carmen Schliebe Kustodin Sammlung Fotografie/Stellv. Direktorin Cottbus

 

 

Marc Räder
pool magaluf, 1998
Aus der Serie: Mallorca – Island in Progress
C-Print / Diasec, 45 x 55 cm
© Marc Räder

 

Nach der langen Zeit der Corona-Beschränkungen ist die Sehnsucht vieler Menschen nach Sonne, Strand und Meer zweifelsohne besonders groß. Mir geht es da nicht anders. Meine Reiselust ist sehr groß und so habe ich, angetrieben von der Neugier auf andere kulturelle Erlebnisräume, schon etliche Regionen der Welt erkundet -Mallorca gehört auch dazu.

 

Die Baleareninsel mit ihren zahlreichen Stränden und traumhaften Naturlandschaften ist für viele der Inbegriff und das Sinnbild für Urlaub und Erholung. Über 12 Millionen Touristen – ob pauschal oder individuell – besuchen jährlich die Insel, weil sie hier scheinbar ideale Bedingungen vorfinden, um dem Alltag zu entfliehen. Seit 2005 besitzt das Museum Bilder von Marc Räder aus seiner umfangreichen Serie „Mallorca – Island in Progress“. Mehrmals erkundete der in Berlin lebende Fotograf von 1998 bis 2004 mit seiner Kamera die beliebte Ferieninsel. Dabei geht er der Fragestellung nach, wie die massiven Einflüsse des Pauschaltourismus Mallorca ihren Stempel aufdrücken. Das Ferienparadies im Mittelmeer, das sich in rasanter Veränderung durch die Tourismusindustrie befindet, mutiert in Räders Bildern zu einer Miniaturlandschaft, wie man sie von Modelleisenbahnanlagen kennt. Bewusst entscheidet sich der Fotograf für eine besondere Arbeitsweise: Vornehmlich fotografiert er aus großer Distanz und meist – wie auch hier – von einem erhöhten Standpunkt aus. Dies spielt dem Effekt der Verkleinerung zu und so verwandelt sich die Hotelpoolanlage in eine Spielzeugwelt. Die Fotografien der Serie erzählen vom rücksichtslosen Umgang mit Natur und vom Verlust ursprünglicher Landschaft. Diese Aufnahme eines Swimmingpools in unmittelbarer Nähe zum Meer offenbart aber ebenso deutlich unser gestörtes Verhältnis zur Natur. Künstliche Erlebnisräume, in denen man versucht alle Unwägbarkeiten der Natur auszuschalten, werden bevorzugt, so dass mancher Zeitgenosse gar nicht mehr daran interessiert ist, ursprüngliche Naturräume aufzusuchen.

 

Für mich jedoch ist das Schwimmen im Meer immer wieder ein besonderes Erlebnis, da es in mir das einzigartige Gefühl von Weite und Unbegrenztheit auslöst.