Gemachte Männer Körper, Gestus, Habitus maskuliner Bildwelten

Ulrich Hachulla, Junge mit Hochstraße, 1968, Mischtechnik auf Hartfaser © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Marlie Kross
Ines Arnemann, Norbert Bisky, Andreas Dress, Albert Ebert, Günther Friedrich, Jost Giese, René Graetz, Erich Gerlach, Peter Graf, Otto Griebel, Erhard Großmann, Lea Grundig, Ulrich Hachulla, Bert Heller, Joseph W. Huber, Joachim Jansong, Klaus Killisch, Wilhelm Lachnit, Helge Leiberg, Harald Metzkes, Elke Riemer, Jürgen Schieferdecker, Harald K. Schulze, Volker Stelzmann, Max Uhlig u.a.
„Die Einteilung der Geschlechter […] ist […] in objektiviertem Zustand – in den Dingen […], in der ganzen sozialen Welt und – in inkorporiertem Zustand – in den Körpern, in dem Habitus der Akteure präsent, die als systematische Schemata der Wahrnehmung, des Denkens und Handelns fungieren.“
Pierre Bourdieu – Die männliche Herrschaft
In seiner Schrift die Männliche Herrschaft untersuchte der Soziologe Pierre Bourdieu die Kosmologie der Bergbauern in der Kabylei. Das kosmologische Denken ordnet die Welt über metaphorische Ähnlichkeit und Gegensätze – etwa hoch und tief, innen und außen, Feuer und Sonne. Diese Wissensordnung ist für Bourdieu besonders interessant, weil diese mangels einer schriftlichen Überlieferung nicht reflexiv überformt wurde und sich daher eine besondere Alltags-Stereotypisierung bewahrt hat. Im Zentrum dieses Kosmos steht der Mensch, symbolisch vertreten durch den Mann.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die Ausstellung Gemachte Männer als eine Sammlung offener Bild-Kosmen lesen. Männlichkeit erscheint in den gezeigten Werken nicht als festgeschriebene Allegorie, sondern entfaltet sich über Beziehungen zwischen einzelnen Bildelementen, über Metaphern und das Wirken von Körpern in den Raum. Typisch dafür sind die kämpferischen Arbeiterdarstellungen aus der jungen DDR. So schaut etwa ein aufrecht schreitender Ernst Thälmann mit entschlossenem Blick und geschlossenen Fäusten von einem Plakat über die Köpfe der Bildbetrachter hinweg. Die niedrige Bildperspektive vermittelt uns den Eindruck, dass er den Betrachter sowie sämtliche Hindernisse der Geschichte einfach überrennen könnte. Diese Darstellungen der 1950er Jahre folgen einer symbolischen Ordnung, die eng an Bourdieus Beobachtungen über die Bauerngesellschaft der Kabylei anschließt: Männlichkeit gewinnt Nähe zum Kämpferischen, zur Produktion und zur expansiven Bewegung in den äußeren Raum.
Ab den 1970er Jahren verschiebt sich diese symbolische Ordnung. Die bis dahin hegemoniale Bedeutung von Männlichkeit wird nun aus einer zunehmend ironisierenden Distanz betrachtet. So zitiert Joseph W. Huber die allegorische Darstellung des Paris-Urteils von Paul Peter Rubens, versetzt Paris jedoch in die Rolle eines postmodernen Singlemannes, der zwischen Dating-Annoncen in der Zeitung wählen muss. In den Bildern Max Uhligs werden Identitäten im wörtlichen Sinne brüchig: die Silhouetten der Porträtierten bleiben als Spur erkennbar, doch die Linie wird instabil, der Körper verliert seine geschlossene Form. Norbert Biskys Bildwelten hingegen sind von einer farbenfrohen, hedonistischen Ästhetik geprägt. Unter dieser Oberfläche entfalten sich jedoch Szenen, die von einer rohen Libidinösität durchzogen werden, welche sowohl vom männlichen Körper ausgeht als auch auf diesen einwirkt. Männlichkeit erscheint somit nicht als stabiler Orientierungspunkt, sondern als ein differenziertes Feld zwischen Ungewissheit, Begehren, Gewalt und Verletzlichkeit.
Gemeinsam machen die Werke sichtbar, wie Männlichkeit nicht einfach dargestellt, sondern immer wieder hervorgebracht, verschoben und infrage gestellt wird – als Körper, Gestus und Habitus.
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“The division of the sexes […] is present in an objectified state—in things […], in the entire social world, and—in an embodied state—in the bodies, in the habitus of the actors, which function as systematic schemata of perception, thought, and action.”
Pierre Bourdieu – Masculine Domination
In his work Masculine Domination, the sociologist Pierre Bourdieu examined the cosmology of the mountain farmers in Kabylia. Cosmological thinking orders the world through metaphorical similarities and opposites—for example, high and low, inside and outside, fire and sun. This order of knowledge is particularly interesting to Bourdieu because, lacking a written tradition, it has not been reflexively reshaped and has therefore retained a particular everyday stereotyping. At the center of this cosmos is humankind, symbolically represented by man.
Against this backdrop, the exhibition Gemachte Männer (Made Men) can be read as a collection of open visual cosmoses. Masculinity in the works on display does not appear as a fixed allegory, but rather unfolds through relationships between individual pictorial elements, through metaphors, and through the action of bodies in space. Typical examples are the militant depictions of workers from the early GDR. For instance, an upright Ernst Thälmann, striding with a determined gaze and clenched fists, looks down from a poster over the heads of the viewers. The low perspective conveys the impression that he could simply trample over the viewer and all the obstacles of history. These depictions from the 1950s follow a symbolic order closely linked to Bourdieu’s observations of Kabylian peasant society: masculinity becomes associated with the militant, with production, and with expansive movement into the external world.
From the 1970s onward, this symbolic order shifts. The hitherto hegemonic significance of masculinity is now viewed from an increasingly ironic distance. Joseph W. Huber quotes Paul Peter Rubens‘ allegorical depiction of the Judgment of Paris, but places Paris in the role of a postmodern single man who must choose between dating ads in the newspaper. In Max Uhlig’s paintings, identities become literally fragile: the silhouettes of the portrayed figures remain recognizable as traces, but the lines become unstable, the body loses its closed form. Norbert Bisky’s visual worlds, on the other hand, are characterized by a colorful, hedonistic aesthetic. Beneath this surface, however, scenes unfold that are permeated by a raw libidinality, which both originates from and acts upon the male body. Masculinity thus appears not as a stable point of reference, but as a differentiated field between uncertainty, desire, violence, and vulnerability.
Together, the works reveal how masculinity is not simply depicted, but is constantly produced, shifted, and questioned—as body, gesture, and habitus.



